Der Almabtrieb

„Heimfahren“ nach einem intensiven Sommer der Almwirtschaft

„Große Herden meist schwarzen Viehs, stutzigen Hornviehs, geführt von den Leitkühen, mit ungeheuren Glocken, so kommen sie jetzt alle Tage herab und werden von den Kindern mit Jubel empfangen und freuen sich sichtbar auf die alte, schöne Gewohnheit des Lebens im Stalle“ – so hat der katholische Publizist Joseph von Görres 1829 in einem Brief einen Almabtrieb beschrieben. Auch wenn man doch daran zweifeln darf, wie gern die Tiere Stallduft gegen Sommerwiese eintauschen: heute noch wird der durch von Görres beobachtete festliche Almabtrieb im Alpenraum feierlich als sogenannte Abfahrt des Viehs von den Bergweiden zur Überwinterung im Tal begangen. Neben der Danksagung ist er außerdem von großer Bedeutung, da er die Almwirtschaft als Teil der Land- und Viehwirtschaft sichtbar macht. Ein Einblick.

Der Almabtrieb als Fest des Dankes

Vor dem Abtrieb räumen Sennerinnen, Senner und Hirten die Almgebäude auf, bringen Dünger aus, und schmücken schließlich die Herde. Abfahrtstermine sind je nach Höhe und Lage der Alm von Anfang September bis Ende Oktober. Wenn nach einem arbeitsreichen Sommer auf der Alm Tiere, Hirten und Senner sicher zurück im Tal angekommen sind, wird das letzte Wegstück zum Hof im Tal festlich begangen. Im Pustertal werden beim Almabtrieb, dem sogenannten „Kiekemma“, Topfnudeln und die als „Nigelen“ bezeichneten gebackenen Weizenteigkugeln verteilt, die der Senner schon damals vor der Abfahrt zu backen hatte. Schmalzig? Ja. Lecker? Auf jeden Fall!

Musikkapelle - Almabtrieb in Südtirol

Während früher nach der Ankunft im Heimatdorf ein Viehmarkt stattfand, wird der Abtrieb heutzutage vielerorts als Dorffest gefeiert, an dem alle teilhaben. Goaßlschnelln, Schuachplattln, Umzüge, musikalische Unterhaltung durch die Kapelle und Verköstigung durch die Dorfvereine sorgen dabei für festliche Stimmung. Aber ganz egal ob Dorf und Auswärtige groß zusammen feiern oder ob nur im kleinen Kreis abgefahren und gedankt wird, der Almabtrieb bedeutet für die Bauern Bilanz zu ziehen. Für die Hirten bedeutet er das Ende des Arbeitsjahres und Einkehr der winterlichen Ruhe - bevor im neuen Jahr wieder „aufgefahren“ wird.

Kühe - Almabtrieb in Südtirol

Glockengeläut und Kranzschmuck - ein geregeltes Zeremoniell

Allen voran schreitet beim Abtrieb die Kranzkuh, die nach vorchristlichem Brauch einen je nach Gebiet gestalteten Kopfschmuck trägt. Dieser Kranz wird „angehängt“, wenn sich im Sommer kein größeres Unglück bei Mensch und Tier ereignet hat. Er wird traditionell aus Latschenkiefern und Alpenrosen gebunden, besteht aber auch aus Kunstblumen, Seidenbändern, Federn, Spiegeln oder Flittergold. Der Kranz soll der Herde den Schutz des Himmels zukommen lassen. Zum Schmuck gehören aber auch Riemen aus mehrfarbigen Wollfransen, die mit Federkiel-, Zinn- oder Goldfadenbestickungen verziert sind. Diese stellen Motive aus dem Almleben oder Initialen dar, meist die Monogramme von Jesus und Maria. Eine Glocke um den Hals des Tieres soll mit den Spiegeln Unheil und böse Geister abwehren. Was nicht hilft, schadet wohl auch nicht. Und schön ausschauen tut’s allemal.

Wieso, wann und wozu?

Vor jedem Almabtrieb kommt der Logik nach ja erstmal ein Almauftrieb. Der häufigste „Auffahrtstermin“ sind der 15. Juni zu St. Veit, der 24. Juni zu Johanni oder der 29. Juni zu Sankt Peter und Paul. Die „Sömmerung“ des Viehs auf den Almweiden ist nicht nur wichtig für die Pflege und den Erhalt der Almen, sondern vor allem als arbeitstechnische Erleichterung für Betriebe. Denn die Hochweidewirtschaft spart Futtervorräte für den Winter und entlastet die Bauernfamilien bei der Heuarbeit. Die Qualität der Almwiesen und Bewegung der Kühe sorgt zudem für wertvolle Milch, die teils in Molkereien im Tal und teils noch auf den Almen selbst verarbeitet wird. Auch die ökologische Bedeutung der Almwirtschaft ist in den letzten Jahren mehr ins Bewusstsein gerückt, da sie Verbuschung und Verwaldung verhindert und Artenvielfalt sowie Wasserreservoirs erhält.

Marsch ins Tal - Almabtrieb in Südtirol

Almleben von früher – ein kurzer Exkurs in die Geschichte der Almwirtschaft

Einige Einblicke in das harte Almleben ohne maschinelle Geräte und breite Zufahrtsstraßen bieten die folgenden Streiflichter: Zahlreiche Bauernregeln und Wetterheilige zeugen davon, wie sehr die Almwirtschaft seit jeher vom Wetter abhängig war. Außerdem kamen die „Almer“ im Sommer nur von der Alm, um sich den kirchlichen Ablass zu holen, oder wenn eine wichtige Nachricht zum Vieh überbracht werden musste. Die Arbeit des Hütens und Sennens, des Gewinnens von Butter und Käse begann im Morgengrauen und endete spät. Dabei schauten bei 100 Liter Milch nach der Verarbeitung gerade einmal 8 Kilo Käse und 3 Kilo Butter heraus. Heutzutage sind Melkalmen als Produktionsstätte für Fleisch, Butter, Käse jedoch zurückgegangen und haben sich zu Gebieten gewandelt, die hauptsächlich dem sommerlichen Weidegang von Kühen und Kleinvieh dient. Die Almwirtschaft sichert immer noch den Erhalt bäuerlicher Traditionen, Produkte und Arbeitsweisen.

Kuh mit Kopfschmuck - Almabtrieb in Südtirol

Ein Fest zur Feier der sicheren Ankunft

Wo kann man diesen Brauch miterleben? Ein bekanntes Hirtenfest wird in den Dörfern Vernagt und Kurzras im Schnalstal gefeiert, nachdem dort beim Schafübertrieb, der sogenannten „Transhumanz“, hunderte Schafe von den Sommerweiden im Ötztal über Gletscher und Landesgrenze hinweg sicher heimgebracht wurden. Eine weitere Empfehlung soll auch dem Abtrieb am Ritten gelten, der mit einem Fest mit regionaler Musik, Speise und Darbietungen wie dem Goaßlschnölln beendet wird. Die genauen und aktualisierten Termine können jederzeit HIER online nachgesehen werden.

Foto: ©IDM Südtirol/Frieder Blickle, Dietmar Mitterer-Zublasing https://www.diewanderer.it/almabtrieb-latzfons
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Anna Maria studiert in Salzburg, lebt und schreibt aber größtenteils in Südtirol. Sie macht gern Musik, singt im Südtiroler Landesjugendchor, liebt die Facetten der Südtiroler Mundart und italienischen Kaffee.

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