Am Ende vom Tal

Familienfreundliche Wanderung ins Pfossental

Zauberhaft. Ein Wort, das in den meisten Naturbeschreibungen völlig übertrieben daherkommt. Doch wer einmal von der Vorderkaser-Alm bis ans Ende des Pfossentals gewandert ist, weiß, woher dieses Wort seine Bedeutung hat. Hellblauer Himmel, dunkelgrüne Wälder und eiskaltes Wasser, das sich aus den Ritzen der hohen, grauen Berge presst. Schneebedeckte Bergspitzen, satte Wiesen und am Ende dieser fast surrealen Idylle eine Alm mit einzigartigem Charakter. Doch von vorne.
  Benjamin_Pfitscher_3%5B1%5D%5B1%5D An diesem Morgen brechen wir etwas früher als sonst zur sonntäglichen Wanderung auf. Schließlich müssen wir vom Überetsch über den Vinschgau und das Schnalstal bis an den Anfang des Pfossentals fahren. Eine gute Stunde später parken wir unseren Bus im Schatten der Bäume auf einem Parkplatz unter der Vorderkaser-Alm. Der nette Parkwächter tauscht unsere Gebühr gegen einen Gutschein für ein Getränk und wünscht uns einen wunderschönen Sonntag.   Nach der Autofahrt kann ich es gar nicht erst erwarten, endlich in meine schweren, roten Bergschuhe zu schlüpfen, meinen eineinhalb Jahre alten Sohn in der Trage auf meinem Rücken zu verstauen und loszuwandern. Aber genauso wie ich, möchte auch der kleine Racker sich die Füße vertreten und wandert schnurstracks alleine los. Eine Verfolgungsjagd, die an der Vorderkaser-Alm vorbei geht und einige Minuten später am ersten Gatter endet. Hier startet der Wanderweg am Bach entlang erstmals steil empor. Für eineinhalb-Jährige eindeutig zu viel, aber ansonsten für Jedermann- und frau, für RadlerInnen und SeniorInnen und sogar für den stabilen Typ Kinderwagen gemacht.

Abenteuer Pfossental

Durch ein moosiges Wäldchen, am Steilhang über dem Bach entlang ins Tal zu wandern, hat etwas Abenteuerliches und lädt schon bald dazu ein, die ersten Kleidungsstücke am Rucksack zu befestigen. Auch wenn es mitten im Sommer ist, merkt man auf fast 2.000 Metern über dem Meer aber immer die kühle Luft auf der warmen Haut. Einfach perfekt zum Wandern! dc34f156-c6ba-439e-9008-01c72eb6c032%5B1%5D%5B1%5D Als der kleine Mann auf meinem Rücken in den Tiefschlaf fällt, haben wir die steilste Stelle hinter uns gelassen und erreichen den engeren Part des Tales. Hier führt bald schon eine hölzerne Brücke über den strömenden Bach. Der perfekte Ort für eine kleine Pause. Nicht nur weil hier eine der vielen Schautafeln steht, die von der Flora und Fauna des Pfossentals erzählen, sondern auch, weil der Bach hier den Weg passiert. Auf einem der riesigen Felsbrocken stehend, tauche ich meinen rechten Arm ins eiskalte Wasser und fülle meine Trinkflasche auf. Ein mineralischer Energieschub, den ich gierig runter gurgle. Unbedingt nötig, ist er nicht, wenn man bedenkt, dass die nächste Steigung nur wenige Meter andauert, trotzdem schmeckt's! 5c5f342f-f7b0-429f-9f89-769af69c24c4%5B1%5D%5B1%5D  

Von Wichteln, Zwergen und Feen

Nach dem nächsten Hügelchen lässt man nicht nur den Bach abseits liegen, sondern auch das Wäldchen. Hier schlängelt sich der Weg nun zwischen grünen Wiesen in Richtung Mitterkaser- und Rableid-Alm und eröffnet zum ersten Mal den Blick auf die geballte Ladung Pfossental-Zauber. Natur, wie man sie eigentlich nur aus den schönsten Urlaubs-Zeitschriften kennt. IMG_1293%5B1%5D%5B1%5D Als hätten sich die Ziegen und Kühe bereits an dieser Schönheit satt gesehen, stecken sie ihre Köpfe tief in dicke Grasbüschel und fressen sich durch den Tag. Weil der Weg hier erstmal abflacht, hat man gleich schon das Gefühl, man könnte ewig weitermarschieren und verfällt gerne in tiefe Wandergespräche. Doch kurz später kommt schon der nächste, kleine Hügel und sorgt mit elf Kilogramm am Rücken für Kurzatmigkeit. Also doch lieber Mund zu und Natur genießen. ;) Hier passieren wir ein kleines Lärchenwäldchen, das mit seinen moosigen Steinen genauso verzaubert wirkt, wie das am Anfang der Wanderung. Dreht man sich einmal im Kreis, könnte man fast meinen, dass an jeder Ecke kleine Wichtel, Zwerge und Feen neugierig ihre Gesichter hinter Bäumen, Ästen und Steinen hervorstrecken, um zu sehen, wer der nächste Gast auf dem Eishof sein wird. In Wirklichkeit sind es doch nur die frechen Murmeltiere, die sich, mit quietschigem Geschrei über weite Strecken hinweg verständigen. Hier lassen wir das vorletzte Gatter hinter uns und erahnen bereits den Endspurt. Wo das Wäldchen aufhört, beginnt nämlich das leichte Gefälle in Richtung Ziel.  

Das Beste kommt zum Schluss

Benjamin_Pfitscher_4%5B1%5D%5B1%5D Wie das etwas zu groß geratene Hexenhäuschen aus Hänsel und Gretel steht der Eishof ganz stolz im Talkessel. Mit seinem fast schon kitschig-schönen Anblick macht er der Hohen Weißen und Hohen Wilden ein wenig Konkurrenz und doch kann man nicht von der Bergkulisse lassen, bis man das Ziel erreicht.   Man möchte meinen, das Pfossental sei überrannt, wenn an einem Wochenende auch mal über 100 Autos am Start-Parkplatz parken. Doch auf der Strecke zum Eishof und auch auf der Hütte selbst verliert sich die Meute. Hier werden wir vom Hüttenwirt in Lederhosen und bunt-gewebtem Shirt mit einem breit grinsenden „Griast enk“ begrüßt und lassen unsere schweren Körper auf einer Bank in der Sonne nieder. Dass Ulrich Haller Weltenbummler ist, liest man nicht nur auf der schicken Website, sondern spürt es auch auf 2.067 Metern über dem Meer. Irgendwie fühlt es sich auf dieser Alm nämlich an, als wäre man im Karibikurlaub. Gute Laune, starke Sonne und gemütliche Musik. Ach ja und leckere Cocktail-Variationen natürlich! Wenn es nach Hüttenwirt Ulli geht, trinken sich diese jedoch am besten an einem der fetzigen Events, die der junge Macher mehrmals im Jahr hier organisiert.   Dazu kombiniert das junge Team um Küchenchefin Simone Teller, die an schicke Restaurants in trendy Städten erinnern. Mit köstlichen Produkten aus allen Ecken des Landes kreiert sie Gerichte, die man am liebsten selbst ausprobiert. Den Gaumen verwöhnenden Mix zu beschreiben, fällt mir nämlich schwer.
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Doch nach Vor- Haupt und Nachspeise und einer breiten Scheibe hausgemachtem Kuchen steht eines fest: Das nächste Mal, wenn ich auf den Eishof wandere, bestelle ich mir lieber ein Zimmer! Bis dahin genehmige ich mir ein Schläfchen auf einer der Liegen vor der Hütte. Hier wirkt das Rauschen des Bachs wie ein gratis Meditationsprogramm und lädt zum Gedanken verlieren ein. Der Blick auf Wälder, Wiesen, Kühe und Berge tut sein Übriges dazu. 79a4cb41-8332-42f6-b4e4-73d39e2fc180%5B1%5D%5B1%5DKann ich bitte hier bleiben? Der Tag sagt nein und schickt die Sonne schließlich hinter den weißen Bergspitzen schlafen. Mit ihren letzten Strahlen bepinselt sie die Kulisse rund um den Eishof in den schönsten Gold-Tönen. Und wir lassen den Zauber hinter uns und wandern wieder in Richtung Alltag. Auf bald, Pfossental!  

Kleiner Tipp: Wer die Wanderung im Herbst unternimmt, wird mit goldenem Lärchenzauber belohnt! Benjamin_Pfitscher_1%20klein1

Fotos: © Lisa Maria Kager, IDM Südtirol/Benjamin Pfitscher, Julia Hell
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Lisa ist die Quasselstrippe, die nur ein leeres Blatt Papier zum Schweigen bringt. Alles andere als bewegungsfaul liebt sie den bunten Mix, den sie ihr Leben nennt. Zwischen Kinderbüchern, E-Mail-Fächern, buntem Gemüse und ihrer roten Yogamatte wundert sie sich manchmal selbst wie viele Stunden ein Tag eigentlich haben kann.

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